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ALI KAAF – “Paper and Glass” 2013

 Scherben und künstlerische Wahrheit

Ali Kaaf habe ich im September 2012 hier in Berlin kennengelernt. Bei der Ausstellung “Kunststoff Syrien”, die sich mit dem dortigen
Konflikt auseinandersetzte. Viele Positionen waren versammelt, man hat Engagement gespürt und das Bedürfnis, auf die Mißstände hinzuweisen. Die ungezählten Menschen, die vom Assad-Regime ermordet worden sind, obwohl sie nur friedlich protestiert hatten. Ali’s Arbeiten haben für mich herausgeragt, weil er nicht der Verlockung erlegen war, eine plakative künstlerische Antwort auf Ungerechtigkeit, Diktatur und brutale Gewalt zu finden. Er wollte auch nicht als “syrischer Künstler” gesehen werden, sondern einfach als Künstler. Einer, der seit langer Zeit in Berlin lebt und sich auf seine Weise mit der Welt und der Kunst auseinandersetzt.

Trotzdem kann er es nicht verleugnen. Viele Verwandte leben in Syrien und er bekommt unmittelbar mit, was in dem Land passiert. Die Situation dort wird immer verfahrener, das Land ist fast verloren. Wie kann man all das wissend in sicherer Entfernung leben, Teile der Familie in akuter Gefahr wähnend, ohne verrückt zu werden? Für Ali ist die Antwort nicht leicht: “Das ist der heftige Teil davon. Man denkt zuerst an die Eltern. Dann an die anderen Verwandten und an die Freunde. Und man hat diese Träume, daß man sie alle in einem Schiff nach Deutschland bringt oder nach Schweden. Aber sie wollen trotz Allem nicht weggehen. Es ist eine fürchterliche Situation. Aber am Ende ist es der Krieg. Das ist ja etwas, das sich in der Geschichte immer wiederholt.” Ali Kaafs Kunst ist weder Agit-Prop noch ideologisch verbohrt. Seine Arbeiten sind leise und tief. Und genau deswegen sprechen sie eine unmittelbare Sprache. Er würde sich aber nie eine Meinung über diejenigen Künstler anmaßen, die die unmittelbare politische Aussage in ihrer Kunst unterbringen möchten. Er selbst nimmt sich Zeit.

chen. Es gibt Künstler, die das alles sofort ausdrücken und es gibt Künstler, die erstmal schweigen. Es gibt Künstler, die von einem Moment für ihr ganzes Leben beeinflusst werden. Das hat man z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen”. Organische Umrisse in Kaafs Papierarbeiten werden gefüllt mit kleinen zeichnerischen Gesten, Pinseltupfen. Tausende benutzt er, um diese Formen von Innen her zum Leben zu erwecken. Alles sehr dunkel, manchmal fast schwarz und nur bei näherem Hinsehen entdeckt man hier und da ein farbiges Einsprengsel. Oder wie im Fall von “Mihrab IV”, einer sehr großen Papierarbeit, die mit unfixiertem Graphit gearbeitet ist, strahlt das Material selbst in einer silbrigen, kostbar wirkenden Oberfläche. So wie ein prähistorisches Gewand aus einem metallischen Stoff, zerbrechlich und beschützenswert. Arbeiten auf Papier, das ist sein Ausgangspunkt. Dieses Papier brennt Ali Kaaf teilweise an, verletzt es. Um darunter eine weitere Schicht zu legen, die die Form neu umreißt. Man vermißt keinen Gegenstand und doch sehe ich Ali’s Arbeiten nicht als abstrakte Werke. Sie treffen mich sehr persönlich und tief, wie Urwesen, deren Dasein und Gegenwart niemand in Frage stellt. Teils bedrohlich, teils von einer tieferen Wahrheit sprechend, rein visuell. Sein Buch “Paper and Glass” zeigt seine wichtigsten Werke. Dieses Buch ist nicht irgendein Katalog oder Künstlerbuch. Es trägt die gleiche Handschrift wie der Rest seiner Arbeiten. Es ist reduziert, klar und von tiefer Schönheit.“Die Kunst ist so unterschiedlich wie die Menschen”.

Die anderen Arbeiten, z.B. die Glasarbeit “Tattoo Nr4”, oder die Papierarbeiten aus der “Rift”-Serie strahlen alle dieselbe Intensität aus. Kaaf geht mit allen seinen Materialien gleich subtil und intensiv um.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Hand, beklebt mit Spiegelscherben bewegt sich langsam und unaufhaltsam in einen Haufen Spiegelscherben, wohl wissend, daß Verletzung droht.. Letztlich geht es auch um Trauer und Leid. So bei seiner Videoarbeit “Scherben Mantra” von 2013.
Die Bildsprache ist reduziert und arbeitet mit starken Kontrasten. Kaaf dreht sie um 90 Grad. So wird sie wie die meisten seiner Arbeiten zu einem Hochformat. Ali Kaaf sagt, daß er manchmal das Gefühl hat, nicht weiter zu kommen.  “Man geht jeden Tag ins Atelier und versucht etwas zu machen, aber es funktioniert nicht, aber man will. Und nach langer Zeit, wird daraus eine Art sich auszudrücken, das ist auch das Interessante dran. Und dieses Video ist für mich wie ein Abdruck dieses Gefühls”. 

c peter schiering

„Paper and Glass“ zeigt Papier- und Glasarbeiten von Ali Kaaf, die in den letzten vier Jahren in Damaskus, Berlin, San Francisco und Washington entstanden sind. Es enthält zudem Texte der Künstlerin Rebecca Horn, der Kunstkritikerin Doris von Drathen und von Robyn G. Peterson, der Direktorin des Yellowstone Art Museum. Das  Künstlerbuch wird bei der Druckerei PögeDruck und der Buchbinderei Mönch in Leipzig hergestellt und erscheint im Eigenverlag.

 

Ali Kaaf studierte bei Marwan und Rebecca Horn an der UdK in Berlin. Seither lebt und arbeitet er zwischen seiner Heimat Syrien, seiner Wahlheimat Europa und den USA.

Seine Arbeiten waren  in Einzel- und Gruppenausstellungen wie „Fragile Strength“ im Yellowstone Art Museum (2012) und „Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne“ im Martin-Gropius-Bau (2009) zu sehen und wurde mit verschiedenen Preisen, wie dem Young Collectors for MAXXI Award 2010 und dem DAAD-Preis 2004 für die UdK Berlin, ausgezeichnet. In Seattle hat Kaaf seine Zusammenarbeit mit dem Glasbläser James Mongrain begonnen. Mit ihm ist eine Reihe von Glasskulpturen entstanden; eine dreidimensionale Ergänzung seiner bisherigen Arbeit.